Bürokratie im Kriegsjahr 1941

Heinz-Jürgen Schönberger

Heinz-Jürgen Schönberger

Im Jahre 1941, nach zwei Jahren Krieg in Westeuropa und im Mittelmeerraum, zeichnete sich durch den Kriegseintritt der Sowjetunion und der USA ab, zu welchem Ausmaß sich der 2.Weltkrieg entfalten würde.

Viele europäische Großstädte erfasste der Krieg in Form von Luftangriffen. Schwerpunkte dieser Angriffe waren kriegswichtige Industrieanlagen, aber auch Wohngebiete erlitten massive, verlustreiche Angriffe.

Allein für Bremen verzeichneten die Luftschutzbehörden in 1941 rd. 46 Fliegerangriffe mit vielen Toten, Verletzten und erheblichen Sachschäden, von denen auch die Versorgungs-anlagen der Stadt betroffen waren.

Dem Geschäftsbericht für das Jahr 1941 stellen die Stadtwerke ein Gedenken an acht gefallene Mitarbeiter aus unterschiedlichen Unternehmensbereichen voran.

Der Personalbericht weist aus, dass für die Angehörigen zum Kriegsdienst eingezogener Mitarbeiter Unterhaltszahlungen erfolgten.

Obwohl angesichts der erheblichen Bombenangriffe auch Betriebsanlagen und speziell die Verteilungsnetze im gesamten Stadtgebiet betroffen sein mussten, wird im Geschäftsbericht hierauf nicht explizit eingegangen; sicherlich erforderte die Kriegssituation, dass die Wirkungen alliierter Angriffe in öffentlichen Verlautbarungen nicht besonders hervorgehoben werden durften.

Der Bericht weist auf die angespannte Arbeitslage bei der Gaserzeugung hin. Dabei ist nach heutigen Maßstäben bemerkenswert, dass die Lieferungen an bremische Privat-Haushalte mit einer Gesamtmenge von 41 Mio m³ Stadtgas fast 60% der gesamten Gasabgabe ausmachten. Das Auftreten der Lastspitzen im Sommer lässt den Schluss zu, dass die Kunden das Gas weniger für Heizzwecke sondern überwiegend für Kochzwecke einsetzten. Dazu ein Originalzitat aus dem Geschäftsbericht 1941:

„Es entstand insbesondere in den Sommermonaten durch das Einkochen von Gemüse eine Verbrauchsspitze, die nur unter voller Ausnutzung des Wassergasgenerators bei gleichzeitiger Druckherabsetzung bewältigt werden konnte.“

Für den Betrachter, der den Krieg nur aus Erzählungen, Büchern, Bildern und Filmen kennt, sind Kriegszeiten der totale Ausnahmezustand, in dem die Menschen sich überwiegend um die eigene und die Gesundheit ihrer Angehörigen sorgen, und sich mit den Folgen der Fliegerangriffe beschäftigen. Es ist nur schwer vorstellbar, dass auch sehr profane Dinge ihren Alltag bestimmten:

Im August 1941 entstand aus den vormaligen „Städtischen Werken“ die Stadtwerke Bremen AG mit einem Aktienkapital von 52 Millionen Reichsmark im Eigentum der Stadtgemeinde Bremen.

Ziel der Maßnahme war, die Ausgliederung von Betriebsteilen in die Landeselektrizitätsversorgung Oldenburg zu verhindern; das war die Absicht des zuständigen Reichsstatthalters. Die Umsetzung dieser Umgründung erforderte einige Sitzungen und beschäftigte viele Verwaltungskräfte, Amtsrichter und Notare in Büros und Amtsstuben. Und draußen war Krieg.

So vertraut uns derartige Vorgänge heute in Friedenszeiten in fast allen Wirtschaftsbereichen geworden sind, so fremd muten sie an, wenn gleichzeitig Fliegeralarm droht.

Dass auch im Kriegsverlauf die normale kaufmännische und technische Abwicklung des Unternehmens sichergestellt war, beweist die Existenz des zitierten Geschäftsberichts; gleichwohl trägt die nachstehende Rechnung, die der Gasmann vielleicht in Schutt und Staub einer bombardierten Umgebung abgelesen, errechnet und geschrieben hat, irgendwie etwas sehr „Unwirkliches“ in sich:

Rechnung 1941

Den Notzeiten gehorchend, sind noch die Formulare der „Städtischen Werke“ aufgebraucht worden.

 

 

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